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DR
Ran
Der fliegende Berg : Roman
Ransmayr, Christoph, 2006| Libresso | |
| Verfügbar |
Ja (1)
|
| Exemplare gesamt | 1 |
| Exemplare verliehen | 0 |
| Reservierungen | 0Reservieren |
| Medienart | Buch |
| ISBN | 978-3-10-062936-4 |
| Verfasser | Ransmayr, Christoph
|
| Systematik | DR - Deutsch Roman |
| Verlag | S. Fischer |
| Ort | Frankfurt a. M. |
| Jahr | 2006 |
| Umfang | 359 S. |
| Altersbeschränkung | keine |
| Sprache | deutsch |
| Verfasserangabe | Christoph Ransmayr |
| Annotation | Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); Autor: Sabine Krutter; Zwei Brüder unterwegs zu einem Gipfel des Himalaya - große Literatur lädt zur genussvollen Entschleunigung ein. (DR) Das Warten auf den "neuen Ransmayr" hat sich ausgezahlt. Der österreichische Autor, der jedes Wort auf die Goldwaage legt, hat wieder ein außergewöhnliches Werk geschaffen. Das beginnt bei der überraschenden Optik: Mit dem extremen Flattersatz nähert sich Ransmayr den formalen Ursprüngen des Romans, dessen Wurzeln bekanntlich in den Versepen liegen. Die "fliegenden Sätze" - so der Autor bescheiden über die verwendete Form - können getrost als Verse bezeichnet werden: Ransmayrs lyrische Sprachqualität ist unbestritten. Hier gleich eine kleine Warnung an Schnell- und QuerleserInnen: Die formale Gestaltung bremst sofort und der Text fordert die ihm gebührende Aufmerksamkeit. Die ungeteilte Zuwendung wird vielfältig belohnt: Ransmayr erzählt in der ihm eigenen wunderbaren Sprache eine spannende Geschichte mit viel Raum zum Nachdenken. Zwei Brüder verlassen Irland, um einen ganz besonderen Berg zu suchen und zu besteigen - der eine findet bei diesem Unterfangen seine große Liebe, der andere den Tod. Das ist alles, was in diesem Buch "passiert", aber diese beiden Themen sind ohnehin von elementarer Bedeutung und finden ihre symbolische Entsprechung in der archaischen Natur: Meer und Gebirge offenbaren sich wie am Beginn der Schöpfung - unberechenbar und unermesslich, geheimnisvoll und gigantisch. Der perfekte Rahmen für das menschliche Streben nach Erfüllung, das selten in rationalen Bahnen verläuft und mitunter hoher Berge oder eines extremen Nationalbewusstseins bedarf Als modernes symbolisches Pendant für die Schöpfungsidee fungiert das weltweite Datennetz, das vom menschlichen Geist ebenfalls nicht erfasst werden kann. Das Internet, besonders für den tonangebenden Bruder Liam die wichtigste Brücke von der irischen Insel zum Rest der Welt, bildet ein flimmerndes Universum per se innerhalb einer gigantischen Schöpfung. Der Mensch ist darin bedeutungslos, ein winziges Staubkörnchen, manchmal etwas lästig, aber in der nächsten Sekunde des Universums schon wieder vergessen. - Eines der seltenen Bücher, denen keine Rezension gerecht werden kann und die lange im Gedächtnis haften bleiben. BibliothekarInnen sollten es ihren Leserinnen und Lesern ans Herz legen! ---- Quelle: Literatur und Kritik; Autor: Daniela Strigl; Vergoldete Welt Christoph Ransmayrs "Der fliegende Berg" Christoph Ransmayr hat jenem Medium, mit dem österreichische Dichter von Rang heute am liebsten reden, nämlich "News", in einem Interview anvertraut, daß "die aufdringlichsten Stänkerer" unter seinen Kritikern Eingang in ein besonderes Verzeichnis fänden, eine Art "Zwergenkalender", in dem er deren ärgste Stilblüten sammle. Geohrfeigt habe er aber noch keinen. Es ist also ein begrenztes Risiko, das man eingeht, wenn man sich über Ransmayrs neuen Roman kritisch äußert. Andererseits kann niemand sagen, der Autor hätte ihn nicht gewarnt. "Kitschvorwürfe werden im ästhetischen Bereich so leichtfertig erhoben, wie auf ethisch-moralischen Schlachtfeldern die Auschwitzkeule geschwungen wird", sagte Ransmayr mit deutlich apotropäischer Absicht der "Presse". Und für die "Standard"-Leser formulierte er leicht variiert: "Ärgerlich wird es dann, wenn die Kitsch-Keule im ästhetischen Bereich so undifferenziert geschwungen wird wie auf moralischen Schlachtfeldern die Auschwitz-Keule." Wer will schon als undifferenzierter Keulenschwinger dastehen? Ich will nicht behaupten, die überwiegend positive Resonanz der Kritik auf "Der fliegende Berg" verdanke sich dieser Einschüchterungstaktik. Es ist nur so, daß in einigen lobenden Besprechungen so etwas wie ein gegenläufiger Subtext mitschwingt, ein Unbehagen, das meist mit dem Hinweis umschrieben wird, große Literatur bewege sich halt manchmal haarscharf an der Kitschgrenze. Ich möchte, Zwergenkalender hin oder her, mein Unbehagen etwas deutlicher artikulieren. Eingestellt hat es sich gleich am Beginn der Erzählung, bei den ersten Seiten, die ich aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, bei der zweiten Lektüre wiederum anders gelesen habe. "Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel am vierten Mai im Jahr des Pferdes." Was ist von einem ersten Satz wie diesem zu halten? Ist er kitschig? Er ist jedenfalls auf Effekt aus, da er mit einer offenkundigen Unwahrheit beginnt. Weil diese Bergwelt von Ransmayr erfunden wurde, und nicht von Jelinek, wissen wir, daß einer, der wirklich tot ist, zu uns nicht sprechen könnte. Der Satz ist außerdem prätentiös, denn hier spricht, wie sich bald herausstellt, kein Tibeter, sondern ein Ire, der gewöhnlich nicht in Pferdejahren rechnet. Der Satz ist von derselben kalkulierten Archaik wie die Eröffnung des Romans "Morbus Kitahara": "Zwei Tote lagen schwarz im Januar Brasiliens." Auch da stört die Frage, was das sein soll, der "Januar Brasiliens", den düsteren Zauber. Durch das, was Ransmayr in einer Vorbemerkung "fliegenden Satz" nennt, werden der Bedeutungsfracht noch weitere Bleigewichte aufgepackt: "Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel am vierten Mai im Jahr des Pferdes." Der Autor, der hier auf die epische Form seines Erstlings "Strahlender Untergang" zurückgreift, bemüht sich, uns vorbeugend zu erklären, ein Gebilde aus "ungleich langen Zeilen" sei noch kein Gedicht. "Ungleich lange Zeilen" sind aber nun einmal per definitionem Verse, und wer in Versen spricht, der bemüht eine bestimmte Tonlage des Erhabenen. Gegen diesen Verdacht wehrt der Autor sich im Gespräch mit dem Argument, nicht alles, was im "Flattersatz" stehe, müsse "mit Emphase oder Pathos ausgesprochen werden": "Man kann den Text auch einfach runterleiern." Ich glaube nicht, daß man das kann, jedenfalls nicht, wenn man die von Ransmayr gewählte Strophenform ernstnimmt. Am irritierendsten wird der hohe Ton dort, wo ohnehin schon ein Menge Gefühl im Spiel ist - in Liebesdingen. Gleich am Anfang heißt es: "Wenn ich an diesen Irrweg durch ein Eislabyrinth in die bewohnte Welt denke, die irgendwo unter Wolkentürmen im Abgrund lag, dann sehe ich immer auch Nyema, höre ihre besänftigende Stimme, das Klimpern der Korallen- und Muschelketten um ihren Hals und spüre die Wärme ihrer Hände, sehe Nyema, als wären es ihre Arme und nicht die meines Bruders gewesen, die mich damals umfingen" Allein durch die prominente Stellung der Einversstrophe "sehe Nyema" erhält die Erzählung von der erquickenden Fernwirkung der Nomadenfrau ein ungesundes Tremolo. Christoph Ransmayr hat sich wiederholt auf die Tradition des mündlichen Erzählens berufen, und er feiert sie, hin- und hergerissen zwischen irischen Pubs und osttibetischen Hirtenzelten, auch in diesem Buch. Beschworen wird die Magie der menschlichen Stimme am Lagerfeuer, so enthusiastisch, daß der Hinweis auf den doppelt fiktionalen Charakter - des Erzählten und der Erzählhaltung - erlaubt sein muß. Wir, die wir dieses Buch in deutscher Sprache lesen, leben nun einmal in keiner Nomadenkultur. Und auch die Helden sind, anders als Ovid in Ransmayrs Roman "Die letzte Welt", dort nur zu Gast. So fußen die Versfüße dieser Prosa gewissermaßen auf grundlegend falschen Voraussetzungen. Hinter ihrem programmatischen Anachronismus und Exotismus steht die begreifliche Sehnsucht, unserer öden modernen Welt Farbe und Glanz zu verleihen. Der Autor zahlt mit klingender Münze, es ist aber kein echtes Geld. Eine solche Za 11de hlungsweise heißt auch Folklore. Wenn Ransmayr die emphatischen Beschreibungen von Naturschauspielen mit dem Hinweis verteidigt, es gebe "im Strom einer Erzählung" eben "neben dem Profansten auch diese Bilder", dann trifft dies die Sache nicht wirklich: In "Der fliegende Berg" ist eben nicht nur Feierliches feierlich, nicht nur Erhebendes erhebend: Auch das Alltäglichste zeigt sich vergoldet. Und diese Auratisierung des Alltags ist, mit Verlaub, ein Indiz für Kitsch. Natürlich ist die geologische Erhebung seit jeher das Operationsfeld des Erhabenen, die Götter sind oben, im Olymp, zu Hause. Schiebt man alle Vorbehalte beiseite, dann ist "Der fliegende Berg" eine klassische Erzählung über den menschlichen, oder besser: männlichen Eroberergeist, wie ihn der Ich-Erzähler, der jüngere und ängstlichere der beiden irischen Brüder, wohl etwas zu deutlich interpretiert: "Vielleicht ist jenes Bedürfnis/tatsächlich unstillbar,/das uns selbst in enzyklopädisch gesicherten Gebieten/nach dem Unbekannten, Unbetretenen,/von Spuren und Namen noch Unversehrten suchen läßt -/nach jenem makellos weißen Fleck,/in den wir dann ein Bild unserer Tagträume/einschreiben können." In der sehr schönen magischen Umkehrung dieser fatalen Suchbewegung sind es nicht die Männer vom Meer, die, die blutige Geschichte ihrer Insel zurücklassend, den nirgends verzeichneten Berg am andern Ende der Welt suchen, es scheint vielmehr, "daß dieser Berg uns gefunden hatte,/seine Opfer, zwei verschwindend kleine Gestalten/in den Felswänden Horse Islands". Opfer sind gewiß beide, obwohl der eine den Gipfelsturm überlebt. (Man kann Ransmayrs Bergsteigergeschichte als das Paradigma dessen lesen, was Kathrin Passig mit ihrer bachmannpreisgekrönten Erzählung "Sie befinden sich hier" parodiert hat.) In den in mehreren Rückblenden abgespulten dramatischen Szenen am Berg nimmt das lange Zeit eher abstrakte Verhältnis zwischen den Brüdern Kontur an. Hier wird es spannend und rührend, hier hat Ransmayr wirklich etwas zu erzählen, und er kann das zweifellos besser als Luis Trenker. Die Eroberung des weißen Flecks, das Einschreiben ins Unbekannte ist, wie in den Büchern Raoul Schrotts, nicht nur als Ziel des Forscherdrangs, sondern auch ganz wörtlich zu nehmen, als literarische Ambition. So geht es in Ransmayrs Roman keineswegs in erster Linie um das mündliche Erzählen, sondern um die Schrift. In mancherlei motivischer Gestalt kreist die Erzählung um das (auch buchstäbliche) Beschriften von Gipfeln und Felswänden, von Seen, von Körpern. Stets ist dieses Be-schreiben riskant, der Vorgang unumkehrbar. Alles, was an diesem Buch gelungen ist - und das ist gewiß nicht wenig - läßt sich freilich nur als gelungen wahrnehmen, wenn man die Grundvoraussetzung dieses Erzählens nicht problematisiert, wenn man sich der Erzählung quasi blindlings anvertraut. Dann gibt es wohl auch einen Gewöhnungseffekt, ein Sich-Einhören in die Ransmayrsche Melodie: Als ich nach getaner Arbeit noch einmal zu den ersten Seiten zurückkehre, kommen sie mir gar nicht mehr so schlimm vor. |