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DK
Hoc
Fliege fort, fliege fort : Roman
Hochgatterer, Paulus, 2019| Libresso | |
| Verfügbar |
Ja (1)
|
| Exemplare gesamt | 1 |
| Exemplare verliehen | 0 |
| Reservierungen | 0Reservieren |
| Medienart | Buch |
| ISBN | 978-3-552-06403-4 |
| Verfasser | Hochgatterer, Paulus
|
| Systematik | DK - Deutsch Krimi |
| Schlagworte | f||Erzählende Literatur: Gegenwartsliteratur ab 19 |
| Verlag | Paul Zsolnay Verlag |
| Ort | Wien |
| Jahr | 2019 |
| Umfang | 282 Seiten |
| Altersbeschränkung | keine |
| Auflage | 1. Auflage |
| Sprache | deutsch |
| Verfasserangabe | Paulus Hochgatterer |
| Annotation | Quelle: Literatur und Kritik; Autor: Helmut Gollner; »Rauheit und Zärtlichkeit des Erzählens« Zu Paulus Hochgatterers neuem Roman »Fliege fort, fliege fort« Es ist wie Heimkommen: in Hochgatterers Themenwelt, zu seiner Schreibweise, insgesamt und vor allem: zu seiner Menschlichkeit. Themenwelt: die weite und verletzliche Psyche der Jugendlichen und Hochgatterers unsentimentale Behütung der Verletzten; das Dorf Furth am See; Psychiater Raffael Horn und Kommissar Ludwig Kovacs, die Zwillinge im Geiste ihres Autors. Wir kennen sie aus Hochgatterers Romanen Die Süße des Lebens (2006) und Das Matratzenhaus (2010). Es passieren Verbrechen der scheußlichsten Art. Schreibweise: Hochgatterer ist ein Meister der Aussparung, der Lakonik, Meister in Schlagfertigkeit und Witz. Der Verzicht auf die übliche Versorgung der Geschehnisse mit Erklärungen belässt die Dinge (die Schmerzen) in ihrer Originalgröße und Unheimlichkeit. Hochgatterer gehört zu den Autoren, die ihre schriftstellerische Aufgabe nicht vordringlich darin sehen, den Dingen ihren Schrecken zu nehmen. Wahrnehmung gilt ihm literarisch mehr als Verstehen. Das enthält eine gewisse Realitätsgarantie und einen gewissen Schutz vor Urteilen bzw. ihrer Tendenz, die Dinge zu fixieren und mit ihrer Fixierung zu erledigen. Die verhaltensauffälligen Insassen des Jugendheims »Come In« machen einen Ausflug; der ist für den Fortgang der Erzählung entbehrlich: Weg durch den Schilfgürtel auf eine Schotterbank, Rucksäcke und Gitarre, der Priester Bauer (einer der Betreuer) in Freizeitkleidung, T-Shirt mit der Aufschrift »Trust me Im a Priest«, Feuerstelle, ausgebreitete Lebensmittel (Würste, Maiskolben, Hühnerfleisch, Schalotten, Kartoffelsalat), gemeinsame Zubereitung am Feuer, Lisbeth baut sich einen Joint, würzt ihn mit einem Zusatz, wenig später rennt sie zum Fluss, nackt, Arme werfend, kleine spitze Schreie ausstoßend. Gerettet aus den Fluten wird sie vom Priester Bauer und der Erzählerin, kriegt vom Priester anschließend eine kräftige Ohrfeige, sitzt dann, in Tücher gehüllt, an ihre Freundin gelehnt. Cola, Bier, Rotwein, dazu Geschichten und Gedanken am Feuer, der Priester singt Bob Dylan, Aufbruch. Die Episode ist keinem Story-, Krimi- oder Klärungsstress ausgesetzt, das Bedeutungslose und das Aufregende sind erzählerisch gleichberechtigt, das Geschehen ist gesamtheitlich und menschenfreundlich erfasst. Perlendes Erzählen. Menscheninteresse vor Aufklärungsinteresse, das ganze Buch ist eher ein Soziopanorama als ein Kriminalroman. Menschlichkeit: Hochgatterers Humanität entsteht nicht durch Humanitätsvokabular, sondern durch Sachlichkeit. Die Sachlichkeit belässt auch die abweichendsten Verhaltensformen unzensuriert in ihrem Recht auf Dasein. Hochgatterers Sachlichkeit ist der direkteste und verlässlichste Weg zur Menschlichkeit. Hochgatterer beschreibt die Dinge aus nächster Nähe, ausführlich und detailversessen, kein Draufblick, kein Überblick, keine Überlegenheit über das Beschriebene, am wenigsten über die Verletzlichkeit/Verletzungen der Jugendlichen, kein Arzt-Gehabe, keine psychiatrische Fachterminologie, die das Verhalten bloß in Kategorien abschiebt. Der Psychiater Hochgatterer unterscheidet konsequent zwischen medizinischer und literarischer Behandlung. Was ist diesmal in Furth am See passiert? Einige alte und einige junge Menschen werden sadistisch gequält, physisch wie psychisch. Ein 10-jähriges Mädchen (Elvira) wird entführt, das Auto des Großunternehmers Seihs in Brand gesteckt, drei Alte trauen sich nicht, die Wahrheit über den Hergang ihrer schweren Verletzungen zu sagen, ein Neubau wird aggressiv besprayt. Seihs hat eine Sicherheitstruppe aus Neonazis aufgestellt, einer von ihnen wird während der Fronleichnamsprozession von einer Steinschleuderkugel getroffen. Das Hauptzentrum der Menschenverletzung ist die »Burg«, Aufnahmestelle für unbegleitete minderjährige Migranten; noch schlimmer aber die Vergangenheit der »Burg« als menschenverachtendes, sadistisches Erziehungsheim. Eine Art Gegeninstitution ist das Jugendheim »Come In«, ein Auffanglager für psychisch verletzte Jugendliche; und ein Dorn im Auge der Hüter kontrollierbarer Konformität bzw. des unternehmerischen Profitdenkens. Psychiater Horn und Kommissar Kovacs haben in etwa dieselbe Opferklientel, psychiatrischer und kriminalistischer Zugriff. Man kann nicht sagen, dass die beiden wesentlich zur Aufklärung der Fälle beitragen. Hochgatterer ist an den beiden brummigen, aber liebesfähigen Männern zu sehr interessiert, als dass er sie in ihren Aufklärungsfunktionen verheizt. Kein Opfer lernen wir so ausführlich kennen (und lieben) wie die beiden in ihrem Privatleben und Berufsalltag. Eine Ausnahme sind vielleicht die kleine Elvira und ihr Entführer (ihre Entführerin?), die in zwischengeschobenen Kapiteln immer wieder im Gespräch gezeigt werden. Ein Teil der Gewalttaten hat ihren Ursprung in einem Rachefeldzug der Opfer. Er hat die Sympathien des Lesers. Eine beteiligte Erzieherin sagt es: »Vergeltung ist nicht vernünftig. Aber was ist schon Vernunft?« Die Beteiligung am Rachefeldzug reicht bis in Horns sympathische Familie. Auch die kleine Elvira wird von einem der pädagogischen Opfer entführt, aber nur, damit sie als privilegiertes Kind eines reichen Vaters auch die schreckliche andere Seite kennenlernt. Der Entführer lässt die Kleine sonst völlig ungeschoren (der Vater hat auch seinen Schrecken abgekriegt) und fährt mit Horns Sohn und anderen Opfern in Horns Auto gut gelaunt ins ferne Holland. Hochgatterer schließt dem Roman eine Danksagung an, mit der bemerkenswerten Überzeugung, »dass nichts der Wahrheit näher kommt als die Rauheit und Zärtlichkeit des Erzählens«. Und »unendlich dankbar« zeigt er sich, dass er immer wieder vom »Sieg der Erzählung des Einzelnen über die behauptete Wahrheit der Mehrheit« schreiben darf. Wer Lust auf Kritik hat, könnte vielleicht die kriminelle oder die gesellschaftspolitische Überlastung des kleinen Furth anführen, vielleicht eine gewisse Klischeehaftigkeit der Bösen oder Anstoß daran nehmen, dass alle sympathischen Figuren des Romans sich derselben lakonisch-witzigen Hochgatterer-Rede befleißigen. Wer Lust hat Der Rezensent hatte keine. Er war schon bald den angeführten Qualitäten des Buchs erlegen. |