Alles über Sally : Roman

Geiger, Arno, 2010
Libresso
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Medienart Buch
ISBN 978-3-446-23484-0
Verfasser Geiger, Arno Wikipedia
Systematik DR - Deutsch Roman
Verlag Hanser
Ort München
Jahr 2010
Umfang 363 S.
Altersbeschränkung keine
Sprache deutsch
Verfasserangabe Arno Geiger
Annotation Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html);
Autor: Barbara Tumfart;
Über die komplexen Abhängigkeiten im Beziehungsalltag und die ewige Suche nach Glück. (DR)

Viel durfte man erwarten vom neuen Roman des 42-jährigen Vorarlberger Schriftstellers Arno Geiger, der 2005 für "Es geht uns gut" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde - und man wird nicht enttäuscht. Wenngleich das Thema des Ehebruchs und der Untreue auf den ersten Blick eher unspektakulär und abgenutzt erscheint, schafft es Geiger, mit seiner unnachahmlich präzisen Beobachtungsgabe und seinem instinktiven Gespür für die deutsche Sprache einen beeindruckenden Roman über eine 50-jährige Frau in Aufbruchsstimmung zu kreieren. Sally und Alfred führen seit 30 Jahren eine relativ harmonische Ehe, sind Eltern von drei mittlerweile fast erwachsenen Kindern und Besitzer eines spießig-gemütlichen Wiener Vorstadthauses. Der alljährliche England-Urlaub wird jäh unterbrochen, da ein Einbruch in das Wiener Heim zur überstürzten Rückkehr nach Österreich zwingt und ein Bild der Zerstörung und des Chaos offenbart. Alfred, zutiefst bestürzt über dieses Eindringen in seine private Intimität, verzweifelt beinahe über das Geschehene und versinkt zusehends in einer tatenlosen Depression. Anders reagiert seine Frau Sally - erfüllt von Tatendrang und trotziger Eigeninitiative beseitigt sie verbissen die Spuren der Verbrecher und stürzt sich angesichts der nervenden Resignation Alfreds in eine heftige Liebesaffäre mit dem dynamischen Nachbarn und Bekannten Erik. Doch am Ende geht Sally selbst als Betrogene aus der Affäre hervor und findet einmal mehr Halt in ihrer unspektakulären, aber beständigen Ehe mit Alfred.
Geiger gewährt in seinem neuen Buch intime Einblicke in den Alltag eines ungleichen Ehepaares, dem es trotz unterschiedlicher Glücksbedürfnisse gelingt, eine funktionierende Beziehung aufrechtzuerhalten. In objektiv-beobachtender Weise werden die komplexen Abhängigkeiten in einer Beziehung ausgelotet, in der es nicht darum geht, wer am Ende als Verlierer oder Gewinner dasteht, sondern vielmehr um die Bejahung der Beständigkeit als Möglichkeit des privaten Glücks.

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Quelle: LHW.Lesen.Hören.Wissen (http://www.provinz.bz.it/kulturabteilung/bibliotheken/320.asp);
Autor: Dr. Markus Fritz;
"Alles über Sally" ist die Geschichte einer Ehe, die Geschichte eines Ehebruchs oder vielmehr: das Porträt einer Frau von zweiundfünfzig Jahren. Sally Fink ist Ehefrau, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Lehrerin an einem Wiener Gymnasium. Ihr Ehemann Alfred, einige Jahre älter, ist Ethnologe und arbeitet im Völkerkundlichen Museum. Zu Beginn des Romans sind die beiden im Urlaub in England. Ein Anruf aus Wien beendet plötzlich den Urlaub. Im Haus von Sally und Alfred ist eingebrochen worden. Sie reisen ab und nehmen die nächste Maschine nach Wien. Dort erleben sie eine böse Überraschung. Die Einbrecher haben gewütet: alles ist drunter und drüber. Die Einbrecher haben vor allem die Schränke ausgeräumt. Sie brauchen einige Tage, um halbwegs wieder Ordnung zu schaffen. Sally ist voller Tatendrang, Sie streicht die Zimmer neu. Alfred hingegen ist wie gelähmt. Er spricht von einer "psychischen Quetschung". Er trauert seinen Tagebüchern nach, die von den Einbrechern beschmutzt wurden. Ein Freund der Familie, Erik, ist behilflich. Er ist der beste Freund von Alfred und Ehemann von Sallys Freundin Nadja. Sally beginnt eine Affäre mit Erik. Sie erleben eine kurze Phase der erotischen Obsession. Dann beginnt wieder die Schule. Eines Tages kommt Nadja, Eriks Frau, zu Sally mit der Nachricht, Erik wolle sich scheiden lassen, er habe eine andere Frau, eine Russin. Er hat also nebenbei noch eine weitere Geliebte. Doch die Krise von Erik und Nadja scheinen Alfred Aufschwung zu geben: er besinnt sich wieder, kommt langsam zu sich und gewinnt Zuversicht und Vertrauen. Er nähert sich auch langsam wieder Sally an. Es wird ihm bewusst, was er an Sally hat, "sie ist das Beste und Tollste was mir je passiert ist". Am Schluss finden die beiden wieder zueinander. Es gelingt dem Autor hervorragend, sich in die Psyche der Frau hineinzuversetzen. Geiger ist ein Meister der präzisen Beobachtung, auch Sexszenen gelingen ihm, ohne in Peinlichkeiten oder Obszönitäten abzurutschen. Außerdem: Ich habe selten so eindringliche und überzeugende Beschreibungen vom Alltag einer Lehrerin gelesen wie in diesem Roman. Schon dafür gebührt dem Autor Respekt und Anerkennung.

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Quelle: Literatur und Kritik;
Autor: Alexander Kluy;
Tage Jahre Leben: Unter dieser triadischen Schlagwortreihung hatte Arno Geiger 2007 die Erzählungen in »Anna nicht vergessen« angeordnet, dem stilistisch wie thematisch leicht disparaten, manchen bezüglich Qualität und Machart zu oszillierend erscheinenden Vorgängerband seines neuen Romans »Alles über Sally«. Es war ein merkwürdiges, ja fast bizarr anmutendes Faktum, dass gerade ein eher stiller, eher zurückhaltender Autor wie der 1968 in Bregenz geborene Geiger damals hitzige Reaktionen auszulösen vermochte. Auf der einen Seite waren seinerzeit jene, die in ihm, der für »Es geht uns gut« 2005 den erstmals ausgelobten Deutschen Buchpreis erhielt, ein übergroßes Talent sahen. Und mit seiner umfangreichen Prosaarbeit würde er, so die Geiger-Anwälte, endlich unter Beweis stellen, was er könne und schon längere Zeit verheißen habe. Auf der anderen Seite der Urteilsschranke standen die, die schon damals, vielleicht stiller, vielleicht leiser, die Geschichte um Philipp und ein ererbtes Haus für überkonstruiert und Lesernerven angreifend hielten und so manches bei ihm für leeres Handwerk. Auf jeden Fall für Handwerk. Und die dies nun in seinem neuen Buch wieder fanden und reklamierten. Und Geiger ziehen ob inhaltlicher Minderkomplexität. Die eine irisierende Verschwommenheit beklagten, den Mangel an interessanter Psychologie kritisierten und in den Erzählungen eine ungenaue, sacht verrinnende Sprache zu detektieren meinten.
Beginnt man mit der Lektüre von Geigers jüngstem Roman, dann stellt sich auf den ersten 50, 60 Seiten fast unabweisbar und mit erschreckender Nachhaltigkeit der Eindruck ein, dass die zweite, dass die kritische Fraktion in der Causa Geiger Recht behält. Alles ist hier grau. Alles ist desaströs, und desaströs alltäglich. Und reichlich unattraktiv. Stilistisch, motivisch wie thematisch. Im Mittelpunkt stehen Sally und Alfred, zwei Mittfünfziger, deren Lebensbilanz so lautet: seit knapp 30 Jahren miteinander verheiratet, drei fast erwachsene Kinder, ein Haus am Rand von Wien. Sie führen eine ganz normale Ehe, die um den Nullpunkt nahezu erkalteten Interesses oszilliert. Fatalerweise fällt einem hier der fatale »kitchen sink realism« aus dem England der späten 1950-er Jahre ein, ein literarisch deprimierender Blick auf deprimierende Lebensverhältnisse. Das einzige Vexierende an dieser Richtung, die vor allem Theaterbühnen heimsuchte, war nicht ihre Kunstlosigkeit, sondern ihre Kurzlebigkeit. Geiger präsentiert sich als Hyperrealist, dem kein Detail zu klein, zu schäbig oder auch körperlich zu abstoßend oder degoutant ist, um es nicht in quälender und verquälter Präzision wiederzugeben. »Weil ihm zu heiß ist«, so eine hierfür beispielhafte Passage voller Lamento und in lamentabel ungelenker Sprache, »strampelt er die Decke von den Beinen. Sally schaut herüber, sie sieht, dass Alfred den Kompressionsstrumpf am rechten Unterschenkel auch in der Nacht getragen hat, er präsentiert ihr diese Nummer kombiniert mit einer weißen Unterhose 14dd , die Fußsohlen geradeaus auf Sally gerichtet, rechts der grau verschmutzte, ursprünglich hautfarbene Stoff, links die nackte, verhornte Haut des breiten Kuratorenfußes.«
Die dramaturgische Zäsur bildet dann ein Hauseinbruch, auf den die beiden ganz unterschiedlich reagieren. Während Alfred, der Museumskurator, sich einem enthemmten Selbstmitleid hingibt, weil er seine heimelig-bequeme Privatsphärenschale als aufgebrochen empfindet, wird Sally, die an einer Schule unterrichtet, praktisch. Arno Geiger in einer Charakterisierung dieser Figur: »Sie ist weniger verletzlich und deshalb widerstandsfähiger bei Zusammenstößen mit der Welt.« Deshalb beginnt sie auch umgehend mit Renovierungsarbeiten, bei denen sie ihre recht unterschiedlich geratenen fast erwachsenen Kinder, die ohnehin eher lieblos gezeichnet anmuten, allein lassen.
Sally ergreift zudem eine amouröse Chance und beginnt eine körperlich so heftige wie befriedigende Liebesaffäre mit ihrem Nachbarn und erfährt so neue Sinnlichkeit und eine neue vitalistische Sinnhaftigkeit. Ein Ausbruch also? Ein Ausbruch mit fatalem Ende, kennt man die französische Literatur des 19. Jahrhunderts etwas genauer? Doch Arno Geiger variiert in seinem sechsten Buch keineswegs Gustave Flauberts »Madame Bovary«, auch wenn dies als insinuierende Anspielung stets palimpsestartig durch die Textur hindurchschimmert. Am Ende bleiben nämlich Sally und Alfred zusammen. Die Tragödie mit neuzeitlich angepasster reduzierter Fallhöhe ist domestiziert, aber nicht weniger eindringlich.
Eines der Dinge, sagte Arno Geiger jüngst in einem Interview, angesprochen auf die Figur Sally, »die mich im Vorfeld am meisten interessiert haben, ist, dass Frauen um die fünfzig in unserer Gesellschaft im positiven Sinn immer auffälliger werden: selbstbewusst, interessant, klug, sexy, lebenserfahren. Der Vorteil einer Protagonistin, die nicht mehr zwanzig ist, besteht ja unter anderem darin, dass die Zwanzigjährige Teil der älter gewordenen Person ist, wie, sagen wir, ein älterer Trakt integriert ist in ein mit den Jahren beträchtlich größer gewordenes Schloss.« Wie es dem 40-jährigen Vorarlberger zunehmend gelingt, in den auf die zwei Auftaktkapitel folgenden neun kaleidoskopischen Kapiteln, in denen zumeist aus der Sicht Sallys erzählt wird, ergänzt durch einen langen inneren rauschhaften Monolog Alfreds, ein reich differenziertes Psychogramm der Hauptfiguren und ihres Lebens zu zeichnen, ist dann virtuos und sprachlich raffiniert. Und frei von überangestrengtem Pessimismus. Vor allem beeindruckt jenes Kapitel, in dem er zu den Anfängen von Sally und Alfred zurückblendet, zu ihren Jahren in Kairo. Wie hier plötzlich die Sprache pulsiert, wie lebendig die beiden sind, wie sie sich fast vom bedruckten Papier lösen, wie er auch das Wirbelnde der ägyptischen Metropole, das die beiden Protagonisten ihrerseits aufwirbelt, das macht ihm so rasch keiner nach.
Vielleicht sollte aber sein Lektor strenger werden. Schon bei »Anna nicht vergessen« wäre es mehr als ratsam gewesen, mindestens zwei, wenn nicht drei der insgesamt zwölf Geschichten gar nicht erst für eine Publikation in Betracht zu ziehen. Bei »Alles über Sally« hätte ein durchsetzungskräftigerer Lektor ihm raten können und es unbedingt auch sollen, die ersten vier, fünf Dutzend Seiten lebendiger zu gestalten. Oder die Konstruktion des Romans anders anzulegen. Unverdientermaßen werden die beiden ersten Kapitel für so manchen eine abschreckende Barriere darstellen. Auch kalkulierte gräuliche Langeweile bleibt eben gräuliche Langeweile. Was nicht im Entferntesten das Attribut ist, das dieses Buch verdient. Offeriert es doch im Porträt eines mittleren, von Mittelmäßigkeit durchzuckten, fallenden und wieder in gedämpfter Durchschnittlichkeit landenden Lebensglücks ein mehr als nur mittelgroßes Leseglück.