Caretta Caretta : Roman

Hochgatterer, Paulus, 1999
Libresso
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Medienart Buch
ISBN 978-3-216-30484-1
Verfasser Hochgatterer, Paulus Wikipedia
Systematik JR - Jugend Roman
Verlag Deuticke
Ort Wien
Jahr 1999
Umfang 219 S.
Altersbeschränkung keine
Sprache deutsch
Verfasserangabe Paulus Hochgatterer
Annotation Quelle: 1000 und 1 Buch (http://www.1001buch.at/);
Autor: Franz Lettner;
Es gibt erste Sätze, die muss man sich einfach merken. Wie den folgenden: "Genaugenommen beginnt die Geschichte damit, daß Frankreich gegen Brasilien mit 2:0 in Führung geht." Genau genommen beginnt so Paulus Hochgatterers jüngster Text "Caretta caretta". Wer jetzt an den ersten Satz von "Wildwasser" denkt und meint, Hochgatterer ist Sportreporter, der irrt. Vielmehr ist er Kinderpsychiater und einer der besten Erzähler, die zur Zeit in Österreich schreiben.
Der fünfzehnjährige Held, Dominik, kommt aus dem Wiener Subproletariat, lebt in einer therapeutischen Wohngemeinschaft und arbeitet als Strichjunge. Er hat ein gröberes Problem mit Gefühlen. Immer wenn sie kommen, muss er weg, "egal wohin, und die Menschen bekommen ziemliche Schwierigkeiten mit mir". Die Menschen, das sind Erwachsene, und sie haben, wie jeder auf der Welt, "echt schreckliche Probleme" - so zitiert der Autor einleitend McCalls "Jack der Bär". Und weil die Menschen echt schreckliche Probleme haben, brauchen sie kleine Götter: Eine Baseballkeule, ein T-Shirt mit Sylvester Stallone als Rocky drauf, einen riesigen Trommelrevolver namens Anaconda, eine weinende Schildkröte, Calvin und Hobbes oder auch einen Fußballspieler - sofern es kein deutscher ist: "Jeder stirbt", sagte Buddy. "Jawohl", sagte ich, "jeder stirbt, der Karlsplatz ist das Fegefeuer und Zinedine Zidane ist Gott."
Da sind wir uns ja wohl alle einig. Zurück zur Geschichte: Es ist Sommer und Frankreich hat gerade die Fußballweltmeisterschaft gewonnen. Nach einem kurzen Ausflug, der Dominik zwar nicht nach Paris, aber immerhin nach Bayern führt, nach einigen Besuchen bei seinen Kunden und nach einem beinahe-Totschlag in der WG reist der Held ab, gemeinsam mit Kossitzky, einem Justizwachebeamten in Ruhe und Stammkunden Dominiks, und Isabella, einem verstummten Mädchen aus der Wohngemeinschaft - "Ständig passiert in unseren Familien irgendetwas, das es uns in Wahrheit unmöglich macht, dort zu bleiben, dachte ich." Die Reise "des Sterbenden, der Schweigenden und des Verhärteten" (Karl-Markus Gauß in der NZZ) geht an einen türkischen Strand, den Sehnsuchtsort, wo Caretta caretta, der Mythos von der weinenden und fliegenden Schildkröte, sie alle tröstet.
Erzählt wird diese wundersame Geschichte - deren Plot zwischen Rührstück, Groteske und roher Dokumentation angesiedelt ist - in der Ich-Form. Das Ich ist ein ziemlich intelligenter Junge, der Erwachsene durchschaut, was wichtig ist in diesem Geschäft, und deren Schwächen ausnützt. Zudem ist er ein gewitzer, abgebrühter Gauner, der seine Mitmenschen - und uns LeserInnen? - auf hohem Niveau belügt. Dass das funktioniert, dass wir tatsächlich einen Jugendlichen erzählen hören, darin zeigt sich das erzählerische Können Hochgatterers, dem es gelingt, "in scheinbar lockerer Narration die Vielschichtigkeit heutiger Realitäten und ihrer Abbilder lesbar zu machen" (K. Zeyringer im Standard). Eine hohe Spannung, narrative Sprünge, jede Glätte von vornherein verhindernd, eine schöne Metaphorik, lebendige Dialoge, das Verweben populärkultureller Versatzstücke in den Text, schließlich das langsame und unaufdringliche Aufrollen der Geschichte des Helden vor der erzählten Geschichte - eine Geschichte der Züchtigung und Quälerei durch den Stiefvater samt dessen Bestrafung - das alles macht "Caretta caretta" zu einem packenden Lektüreerlebnis auf ziemlich hohem literarischem Niveau.

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Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html);
Autor: Reinhard Ehgartner;
Hohe Erzählkunst auf der unscheinbaren Oberfläche eines Adoleszenzromans im Außenseitermilieu. (DR)

'Caretta Caretta' ist die Bezeichnung für eine im Mittelmeer lebende und extrem gefährdete Art von Meeresschildkröten. Nach dem Schlüpfen sind die Jungen völlig auf sich allein gestellt, die Eltern kümmern sich nicht um sie, wichtigstes Überlebensmittel ist ihr starker Panzer, der sie aber auch kaum vor den Ausflüssen 'moderner' Zivilisation zu schützen vermag. So weit der naturgeschichtliche Exkurs. Paulus Hochgatterer, der für sein perfektionistisches Schreiben bekannt ist, hat diese nach wie vor geheimnisumwobenen Tiere zur zentralen Metapher seines neuen Romanes erkoren. Wie diese Tiere haben die gestrandeten Jugendlichen in diesem Roman kaum eine Chance. Sie haben sich abweisende Panzer zugelegt und ihre Hoffnungen vergraben, aber dennoch ist da irgendwo noch dieser Traum von einer anderen, glücklicheren Existenz jenseits dieser beschissenen Welt.
Erzählt wird mit äußerster realistischer Bodenhaftung konsequent aus der Sicht des 15-jährigen Dominik, der uns mit unpathetischen und klar formulierten Schilderungen in seine Welt und sein Lebensbewusstsein hineinführt, und uns irritiert, indem er eine bewaffnete Flucht, ein Fußballspiel, ein Treffen mit einem Freier oder die Schilderung modischer Trends im gleichen unterkühlten Ton erzählt und auf der gleichen Ebene der Lebensrelevanz ansiedelt. In seinem Alltag zwischen therapeutischen Wohngemeinschaften, Gewaltexzessen, Prostitution und Drogen werden Gefühle nur halb erstickt an die Oberfläche gelassen. Eine Reise zu den Meeresschildkröten in der Ägäis verdichtet sich für ihn und seine beiden Begleiter zu einer Reise zum Sinn des Lebens.
Ein literarisch überzeugender Roman, dessen unaufdringliche metaphorische Dichte jeweils Lesarten auf mehreren Ebenen erlaubt und darüber hinaus auch sehr gut zu inhaltlichen Diskussionen eingesetzt werden kann.

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Quelle: Literatur und Kritik;
Autor: Wolfgang Straub;
Jugend mit Göttern / Paulus Hochgatterers Roman "Caretta Caretta"

Als vor einiger Zeit der unaufhaltsame Aufstieg des Wolf Haas begann, war ein oft gehörtes Argument, mit dem in abendlichen Runden diese Leseempfehlung untermauert wurde, die hohe Authentizität, die man den erfolgreichen Kriminalromanen zuschrieb. So hieß es einmal, man sei sich sicher, daß der Autor Zivildienst bei einer Wiener Rettungsorganisation geleistet habe, so echt sei alles geschildert.
Hochgatterers Literatur hat mit jener von Haas denkbar wenig gemein, einzig im Sekundären gibt es eine auffallende Ähnlichkeit: seit der 1997 erschienenen Erzählung »Wildwasser« werden auch Hochgatterers große Fähigkeiten, Lebensumstände verblüffend echt darzustellen, nachgesagt. Zwar verfügt Hochgatterer ebenso über detailgenaue Kenntnisse in relevanten Spezialgebieten, etwa in der Formel 1 (da trifft er sich wiederum mit Haas), aber an »Wildwasser« wurde vor allem die Fähigkeit, die Lebens- und Denkwelt eines Sechzehnjährigen glaubwürdig zu schildern, gelobt.
Mit dem neuen Buch, dem Roman »Caretta Caretta«, bleibt der Autor seinem Thema treu: Dort war es der Formel 1-begeisterte Jakob, der sich, mit allerhand Tablettenmixturen ausgerüstet, auf die Suche nach seinem verunglückten Vater macht, hier ist der Ich-Erzähler ein »verhaltensauffälliger« Fünfzehnjähriger ebenfalls Spezialist in Sachen Medikamentenmißbrauch , dessen Gott nicht Rennfahrer, sondern Fußballer ist.
An »Wildwasser« konnte man einiges noch gekünstelt, manche Wendung und Figur zu wenig nachvollziehbar finden, manchmal fühlte man sich an T. C. Boyles narrative Willkürlichkeiten erinnert. In »Caretta Caretta« dürfte der Autor nun endgültig zu einem eigenen, ausgewogenen Ton gefunden haben. Denn einerseits kennt der Autor, wie Haas, sein Metier haargenau, dazu kommt zum anderen die Empathie der Darstellung. Die Versuche, einen Text aus der Kinder- und Jugendlichenperspektive 1b96 (oder, wie jüngst, aus jener von Elefanten) zu schreiben, sind zahlreich, oft genug gelingt es dem Autor aber nicht, sein Erwachsensein (oder Menschsein) hintanzustellen. Hochgatterers Roman zeigt sich hier konsequent aus einem Guß, der einfache, geradlinige Sprachduktus wird niemals verlassen. Und dabei ließe sich nach den ersten Sätzen anderes vermuten. »Wildwasser« fing mit einem einfachen Sachverhalt an: »Der Tag, an dem ich von zu Hause wegging, um meinen Vater zu suchen, war der Tag, an dem Johnny Herbert den Grand Prix von Silverstone gewann.« Der neue Roman hebt ebenfalls mit einem sportlichen Ereignis an, spitzt dieses jedoch extrem zu, macht aus ihm beinah eine »Sternstunde der Menschheit« wie dies mitunter bereits mit Maradonas »Hand Gottes« oder Baggios verschossenem Elfmeter geschehen war: Jene Sekunde, in der Frankreich 1998 gegen Brasilien im Finale der Weltmeisterschaft 2:0 in Führung ging, verwandelt Hochgatterer in ein Fanal der gesamten Geschichte seines Protagonisten. Dominik, auch er ein Vaterloser, überträgt den Augenblick des französischen Triumphs auf die Erinnerung daran, wie man seinen gewalttätigen Stiefvater abholte. Dieses wie ein Videostandbild gestaltete Anfangstableau ließe eine hohe Künstlichkeit des Romans erwarten; die anfänglich ein wenig schwer nachvollziehbare Parallelisierung des Fußballers Zinedine Zidane und des Stiefvaters könnte exzessive Psychologisierungen befürchten lassen.
Solch mögliche erste Skrupel laufen sogleich ins Leere, die vermeintliche Künstlichkeit war nur ein Kunstgriff, Hochgatterer steigt erfrischend direkt in den Verlauf seiner Geschichte ein. Dominik bewohnt mit anderen »verhaltensauffälligen« Jugendlichen eine betreute Wohngemeinschaft, er hält sich dort jedoch nur sporadisch auf, zu Beginn befindet er sich gerade auf einer spontanen Zugreise nach Paris. Für einen Fünfzehnjährigen erlebt der Ich-Erzähler eine ganze Menge Abenteuerliches. Stellenweise liest sich »Caretta Caretta« daher wie ein Krimi, nicht zuletzt, weil sich vieles im Halb- bis Illegalen abspielt. Allein durch die Handlung hat der Roman gehörigen drive, durch Einschübe und Zeitsprünge wird man zusätzlich auf Trab gehalten. Hinzu kommt eine sprachliche Unverfrorenheit, die da dem auf coolness und größtmögliche Abgeklärtheit bedachten Mund des Teenagers entströmt. Das führt zu so treffenden Wendungen: »der orangefarbene Vorhang (des Zugabteils) riecht wie ein Stück Konzentrat von Eisenbahn« oder »dieses Verhängnis namens St. Pölten«; dabei kommen aber auch Un-Wörter wie »dieses Getränkedose-wird-Mitte-Juli-geöffnet-Geräusch« heraus. Bei aller Intensität der Jugendsprache und bei allem Spaß, den der Autor bei der Kreation solcher Ausdrücke sichtlich hatte, wahrt Hochgatterer das rechte Maß zwischen authentischem cool sprech, der zu einem Gutteil aus bizarren Vergleichen besteht (ein Revolver sei so schwer »wie die Makita-Schlagbohrmaschine«), und narrativen Passagen.
Es verwundert bald nicht mehr, daß der Erzähler nicht der Beliebteste ist. Er zeigt sich als pedantischer Lifestyle-Gourmet, der Eis nur bei seinem Eissalon ißt, der genau weiß, wie ein Salamisandwich zu sein hat, und selbstverständlich hat er bei der Kleidung ein ausgeprägtes Markenbewußtsein. Er fühlt sich mit seinem Zynismus den Altersgenossen und -genossinnen überlegen. (»Ich wette, ich hätte nur mit den Fingern zu schnippen brauchen und sie wäre mir augenblicklich gefolgt.«)
Daß diese enervierende Seite nicht überhand nimmt und nur ein Teil des Persönlichkeitsbildes bleibt, liegt an den kurzen biographischen Einschüben, die erahnen lassen, warum Dominik in außerhäuslicher Betreuung aufwächst. Hochgatterer breitet keine Details aus, diese geschickte Dezenz läßt er auch in jenen Passagen walten, die von Dominiks »Broterwerb«, seinen Liebesdiensten an beiderlei Geschlecht, handeln.
Paulus Hochgatterer hat mit »Caretta Caretta« auch eine spannende Momentaufnahme über »Problemkinder« geschrieben, in der man wahrscheinlich viel mehr erfährt als in mancher Jugendstudie. Denn es besteht kein Zweifel, daß der Autor ganz genau weiß, wovon er schreibt. Seine Tätigkeit als Kinderpsychiater dürfte ihm dabei geholfen haben (und vielleicht hat er sich als »dieser weizenblonde Oberarzt mit der Intellektuellenbrille« selbstironisch in den Roman eingebaut). Bei allem unterhaltsamen Zynismus stellt er am Ende seiner Hauptfigur eine ernste, die Verunglimpfung in Kauf nehmende Alternative in Aussicht (»Manchmal im Leben paßt nur der ärgste Kitsch«): die Möglichkeit der Freundschaft.

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Quelle: STUBE (http://www.stube.at/);
Dominik ist 15, lebt in einer Wohngemeinschaft für verhaltensauffällige Jugendliche und hat aus seinen bitteren Erfahrungen eine ungewöhnliche (Über)Lebensstrategie entwickelt. Seine vielfältigen Kontakte - er lässt sich für emotionale und körperliche Dienste bezahlen - und der Scharfsinn eines zu früh ins Leben Gestoßenen verleihen ihm innere Unabhängigkeit und Flexibilität. In nüchtern-prägnantem Ton lässt Hochgatterer Dominik erzählen, lässt ihn in Rückblenden seine persönliche Geschichte reflektieren und legt damit zugleich die psychische Disposition sowie die Motivation für das unkonventionelle Agieren seines jugendlichen Protagonisten frei: Gemeinsam mit dem todkranken Kossitzky und der von Wasserschildkröten begeisterten WG-Mitbewohnerin Isabella macht Dominik sich auf einen spontanen Trip in die Türkei... STUBE - Seitenweise : www.stube.at