Kinderbomber Moorsoldat : Roman

Teichmann, Christine, 2020
Libresso
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Medienart Buch
ISBN 978-3-903322-15-8
Verfasser Teichmann, Christine Wikipedia
Systematik DR - Deutsch Roman
Verlag edition keiper
Ort Graz
Jahr 2020
Umfang 216
Altersbeschränkung keine
Sprache deutsch
Verfasserangabe Christine Teichmann
Annotation Quelle: Literatur und Kritik;
Autor: Wolfgang Pirkl;
Wenn Kinder Skinheads werden
Christine Teichmanns Roman »Kinderbomber Moorsoldat«
Christine Teichmann ist in der steirischen Kulturszene vielseitig präsent. Sie ist Kabarettistin, Schauspielerin, Artistin und tritt bei Poetry-Slams auf. Als Autorin hat sie neben Beiträgen für Zeitschriften und Anthologien bislang einige Theaterstücke und vier Romane verfasst. Ihr neuestes Buch, dem ein gleichnamiges Jugendtheaterstück vorausging, präsentiert bereits im Titel, worum es geht: junger Bombenleger trifft auf ehemaligen KZ-Insassen.
»Kinderbomber« das ist der 17-jährige Theo, dessen Welt aus den Fugen geraten ist. Seine Mutter liegt nach einem Krankheitsschub mit Multipler Sklerose in einem Pflegeheim, sein Vater ist ständig auf Baustellen unterwegs und mit der Familiensituation vollkommen überfordert. Theos jüngere Schwester ist dabei, ihn an Intelligenz und Reife zu überflügeln und in der Schule kämpft er vor allem mit der Migranten-Clique seines Feindes Efkan. Die heimliche Liebe zu Efkans Schwester Aybike wirbelt Theos Gefühlswelt noch mehr durcheinander. Es kommt zu einer Schlägerei, bei der Theo Efkan auf brutale Weise verletzt. Daraufhin läuft Theo von Schule und Zuhause weg und versucht bei Karl, dem zwielichtigen Betreiber eines Paintball-Turnierplatzes, Unterschlupf zu finden. Dort treffen sich regelmäßig einige einflussreiche Unternehmer und Politiker zu illegalen Waffenspielen, und in seiner Orientierungslosigkeit lässt sich Theo mit diesen Leuten, die sich »Die Aufrechten« nennen, näher ein. Immer in der Hoffnung, in Ausländerhass, Neonazisymbolik und Skinheadoutfit einen Kompass für sein Leben zu finden. Sogar seine neuen Springerstiefeln, so denkt er, »geben ihm Halt, die dicken Sohlen festigen irgendwie sein Gleichgewicht«.
Theos Mutter lernt währenddessen im Pflegeheim den Rentner Emil kennen, dem sie ihre Ängste anvertrauen kann. Emil, der »Moorsoldat« des Romantitels, war als Teenager in der Weltwirtschaftskrise zu seinem Onkel nach Düsseldorf gezogen, um Arbeit zu finden. 1933 wurde er von den Nationalsozialisten bei einer Kommunistenrazzia verhaftet und ins Konzentrationslager Börgermoor im Emsland transportiert. Dort musste er bei der von der SS befohlenen Aufführung des »Zirkus Konzentrazani« das Lied von den Moorsoldaten vortragen, das später als eine Art antifaschistische Hymne Berühmtheit erlangte. Die Erinnerung an das Lager verfolgt den alten Mann bis in seine Alpträume. Theos Mutter hofft aber, dass Emil als Zeitzeuge ihren Sohn von seinem Neonazigehabe abbringen könnte. Dies gelingt durch Emils Erzählungen nur indirekt Theo und Emil verunsichern sich bei ihren Gesprächen gegenseitig. Emil macht sich Vorwürfe, dass er sich in Lager und Krieg immer nur geduckt hat, um zu überleben. Theo aber, der sich von den »Aufrechten« zu einem Bombenanschlag auf ein islamisches Kulturzentrum hat anstiften lassen, stellt sich der Polizei und verweigert sich am Ende den Hintermännern des Attentats. Er tut das aber auch, weil er vermutet, dass sich unter den Opfern die von ihm heimlich verehrte Aybike befindet.
Die gegensätzlichen Tableaus der Protagonisten, hier betagter KZ-Zeitzeuge da blutjunger Neonazi, tragen die Gefahr in sich, in der Erzählung platt und plakativ zu werden. Dem entgeht Christine Teichmann, indem sie in vielen, manchmal ausufernden inneren Monologen die Ambivalenz der Charaktere und ihre vielschichtigen Gefühlslagen zu schildern versucht.
Dadurch gelingt es der Autorin, ein differenziertes Sittenbild zu zeichnen, wie eine durchschnittliche Familie des Mittelstandes, liberal und ökologiebewusst, an der alltäglichen Realität scheitert und zerfällt. Im Grunde leiden alle Figuren, die junge Tochter ausgenommen, an ihren Lebensumständen: Theo an den fehlenden Perspektiven und Vorbildern, Emil hadert neben den Altersbeschwerden mit dem KZ-Trauma, Theos Mutter mit der Unheilbarkeit ihrer Krankheit und Theos Vater mit den mörderischen Arbeitsbedingungen seines Berufes.
Die genauen Schilderungen dieser Lebensumstände nehmen einen Großteil des Romans ein. So erzählt Christine Teichmann in einer meist recht nüchternen Sprache vom Krankheitsverlauf der Multiplen Sklerose, schildert detailreich den gnadenlosen Leistungsdruck in der neoliberalen Bauwirtschaft und lässt den alten Emil ausführlich darlegen, wie in den dreißiger Jahren die meisten Menschen sich Schritt für Schritt mit dem Nationalsozialismus identifiziert haben.
Im Rückblick auf die NS-Zeit lässt sich da manches verstehen. Was geht aber heute in den Köpfen junger Männer vor, die vom Rechtsradikalismus begeistert sind? Auch wenn Analyse nicht Aufgabe von Belletristik sein kann Christine Teichmann begibt sich mit ihrem Roman auf literarische Spurensuche nach möglichen Ursachen dieser zunehmenden Faszination nicht nur bei Jugendlichen.