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DR
Str
Nachwelt : Roman
Streeruwitz, Marlene, 1999| Libresso | |
| Verfügbar |
Ja (1)
|
| Exemplare gesamt | 1 |
| Exemplare verliehen | 0 |
| Reservierungen | 0Reservieren |
| Medienart | Buch |
| ISBN | 978-3-10-074424-1 |
| Verfasser | Streeruwitz, Marlene
|
| Systematik | DR - Deutsch Roman |
| Verlag | Fischer |
| Ort | Frankfurt/M. |
| Jahr | 1999 |
| Umfang | 399 S. |
| Altersbeschränkung | keine |
| Sprache | deutsch |
| Verfasserangabe | Marlene Streeruwitz |
| Annotation | Quelle: Literatur und Kritik; Autor: Susanne Schaber; Fremder Leute Post / "Nachwelt" von Marlene Streeruwitz Zwei Frauen im Gespräch. Eigentlich sei sie langweilig, die Liebe, findet Margarethe. Man hat eine. Und dann die nächste. Und dann wieder eine neue. Und das solls dann gewesen sein? Ihre Freundin lacht: »Sweetheart, thats the fun.« Männer, Frauen, Liebe, Leid. Die Romanzen der Marlene Streeruwitz handeln von nichts anderem. Die dritte Folge der ganz alltäglichen weiblichen Katastrophen präsentiert sie in ihrem Roman »Nachwelt«, der nach »Verführungen« (1996) und »Lisas Liebe« (1997) Finale und Höhepunkte einer ambitionierten Frauen-Trilogie darstellt. Margarethe Doblinger hat große Pläne. Sie möchte eine Biographie der Anna Mahler schreiben, Tochter von Alma Mahler-Werfel und Gustav Mahler. Anna, die Freundin und Ehefrau bedeutender Männer, die etwas lieblose Mutter und ehrgeizige Bildhauerin, ist eine schillernde Person. Was für eine Herausforderung, ihre Vita einzufangen. Und so fliegt Margarethe Doblinger im März 1990 für zehn Tage nach Los Angeles, um Freunde und Bekannte der Anna Mahler zu treffen und zu befragen. In ihrer Gesellschaft hätte sich ihr Geliebter befinden sollen, doch der springt in letzter Minute ab. Margarethe reist allein enttäuscht, verbittert, ängstlich. Sie schläft schlecht, sinniert und stürzt in sich selbst ab. Während sie mit Mikrophon und Notizblock auszieht, ein fremdes Leben zu erkunden, entgleitet ihr jede Sicherheit über ihr eigenes. Wer ist sie eigentlich? Eine attraktive Intellektuelle, Mutter einer halbwüchsigen Tochter, Geliebte eines Arztes, von dem sie sich zunehmend mehr verraten fühlt. Nun ist sie 39. »Sie wurde gemustert«, spürt Margarethe. »Sie wurde gemustert. Nicht mehr angesehen. Um angesehen zu werden, mußte man hier unter dreißig sein.« Was also bleibt ihr noch? »Niemand brauchte sie. Eigentlich brauchte sie niemand. Nicht einmal ihr Kind. Und das war das Leben gewesen. Bisher. Gebraucht werden. Aus Liebe. Wie sollte das weitergehen.« Vorerst zählt der Alltag in Los Angeles. Gebratene Eier zum Frühstück, dazu die Zeitungen mit Meldungen aus aller Welt. Besuche in den diversen Shopping-Centers, kurze Telefongespräche mit Tochter Friedl, endlose Autofahrten, Abführtabletten, Tränen, zuviel Wein vor dem Einschlafen. Margarethe läßt sich treiben. Der Roman der Marlene Streeruwitz ist ein kunstvolles Gebilde, in dem sich Sprache und Erzählhaltung zu einer geschickt konstruierten Methode zusammenfinden, der Hauptfigur nahe zu rücken, ohne ganz in ihr aufzugehen. Die Protagonistin spricht in einem inneren Monolog, der in der dritten Person bleibt. Ein Wirbel mitunter elliptischer Satzfolgen fügt sich zu einer schnellen, abgehackten Suada zusammen, die einen enormen Sog entwickelt. In diesem atemlosen, rauhen Erzählduktus, der immer wieder ins Stottern und Stammeln gerät, spiegelt sich ein Leben, das aus den Fugen geraten ist. Die glatte Sprache versagt, wo der sichere Boden unter den Füßen der Heldin schwankt. Die Prosa von Marlene Streeruwitz macht die Verstörung sinnlich faßbar. Margarethes Selbsterfahrungen bilden einen spannenden Kontrast zu jenen Passagen, die fast ungeschnitten, möchte man meinen die Interviews mit Anna Mahlers Freunden wiedergeben. Fast alles Emigranten, die mühsam gelernt haben, Teile ihrer alten Identität über den großen Teich zu retten. Auch Anna Mahler war eine Entwurzelte, und das im doppelten Sinn. Als Jüdin hat sie Wien vor dem Holocaust verlassen, als Tochter berühmter Eltern nie wirklich in einem eigenen Leben Fuß fassen können. Ihre Skulpturen? Mittelmäßige, fast schon epigonale Büsten, die dem klassischen Schönheitsideal huldigen. Anna bleibt Anhängsel berühmter Männer: Gustav Mahlers Tochter, Ernst Kreneks Gattin, Elias Canettis Angebetete. »Die schöne Frau. Das exquisite Wesen. Die Vitrinenexistenz eines vergangenen Jahrhunderts.« Natürlich gehts in diesem Roman auch um Muster. Ob die Frauen nun Alma, Anna, Margarethe oder vielleicht auch Friedl heißen: Typisch weibliche Schicksale wiederholen sich, kaum je gelingt es Frauen, zu einer inneren wie äußeren Autonomie vorzustoßen und sich auf diese Weise von der Diktatur brüchig gewordener Selbstbilder und männlicher Erwartungen zu befreien. »Die einzige Beruhigung, daß es allen so. Irgendwie allen so ging. Aber das war wie bei den Hexenverbrennungen. Wenn sie sich vorgestellt hatte, wie das war. Es war klar gewesen, daß alle Frauen dazugehört hatten und ein Zufall, wenn eine nicht verbrannt worden war. Verbrannt werden, wenn schon die kleinste Brandwunde so geschmerzt. Sie hatte dann gedacht, wenn diese vielen Frauen es überstanden. Dann würde sie es auch schaffen.« Trauer, Schwermut, Selbstmitleid, Pathos: In dieser Prosa entblößt sich eine weibliche Stimme in mehreren Tonlagen. Und diese Stimme fesselt mehr als die Berichte jener Menschen, denen Margarethe in diesen Tagen begegnet und die ihr kompakte, fertige Bilder von sich und Anna Mahler servieren. »Nachwelt« ist auch ein Roman, der dem Biographen an den Kragen geht. Darf er sich in Schlafzimmern und Badezimmern umtun, um Schmutzwäsche und sonstige Intimitäten ans Licht zu zerren? Muß er den Subjekten seiner biographischen Begierden wirklich über Hintertreppen hinterherschleichen und in ihren Briefen und Papieren kramen? In fremder Leute Post? Ein lausiges Geschäft, die Biographie, trotz wissenschaftlichem Apparat, einem System von Fußnoten und einer Serie windiger Anekdoten, die sie Freunden und Bekannten abgerungen hat. Marlene Streeruwitz hat Anna Mahler persönlich gekannt. Kurz nach ihrem Tod, 1988, hatte man ihr angetragen, eine Biographie über sie zu schreiben. Recherchen dazu gab es schon. Gesiegt hat die Einsicht in die Taktlosigkeit, eine Persönlichkeit wie Anna Mahler posthum einzufangen und der allgemeinen Begaffung freizugeben. Ihre Erkenntnisse sind nun in einem Roman geborgen, der zwischen Fiktion und Wirklichkeit wechselt. Auch Margarethes Plan scheitert. Nach zehn Tagen Los Angeles weiß sie, daß sie aufgeben muß. Die Biographie der Anna Mahler wird, wenn überhaupt, jemand anderer schreiben müssen. »Was hatte sie sich vorgestellt. Andere Leute ausfragen. Schlimmere Schicksale ausgraben, um das eigene ertragen zu können.« Eine lächerliche Idee. »Diese Leben anderer ausdeuten. Sie konnte ja nicht einmal über ihr eigenes Leben Auskunft erteilen.« Als sie das Flugzeug nach Wien besteigt, spürt Margarethe, wie weit sie in diesen zehn Tagen gereist ist. »Sie waren ja zu verstehen«, spürt sie, »die Frauen, die beharrlich nur Frauen bleiben wollen. Es war alle Kostbarkeit eines Zustands zu verlieren und nichts zu gewinnen. Mit den Ergebnissen weiblicher Erkenntnis saß man sehr allein da. Und es sah so aus, als wären fürs erste nur Verluste möglich.« Fürs erste. Doch obs dabei bleibt? |